Zwischen Klarheit und Empathie:

Wie Feedbackgespräche deeskalierend wirken

Wenn Feedback eskaliert

Montagmorgen, Mitarbeitergespräch. Die Führungskraft hat sich gut vorbereitet, will „offen und ehrlich“ sein. Doch nach fünf Minuten herrscht Froststimmung. Der Mitarbeitende verschränkt die Arme, reagiert defensiv: „Das sehe ich völlig anders.“

Feedbackgespräche gehören zu den wichtigsten Führungsinstrumenten – und gleichzeitig zu den häufigsten Auslösern von Konflikten. Warum? Weil viele glauben, Feedback bedeute Kritik äußern, statt Verständnis schaffen.

Feedback – Spiegel oder Schwert?

Feedback kann zwei Rollen einnehmen:

Spiegel: Es fördert Selbstreflexion, Wachstum und Vertrauen.
Schwert: Es verletzt, demotiviert und verschließt Kommunikation.

Welche Wirkung entsteht, hängt weniger vom Inhalt, sondern vor allem von Haltung, Timing und Sprache ab.

Feedback ist kein Machtinstrument – sondern ein Beziehungsangebot.

Warum Feedbackgespräche oft scheitern

1. Fehlende Vorbereitung

Spontane Gespräche ohne klares Ziel.

2. Falscher Rahmen

Zu wenig Zeit, zu viele Zuhörer:innen, keine Atmosphäre der Sicherheit

3. Mangelnde Selbstreflexion

Führung reagiert emotional statt professionell.

4. Einseitigkeit

Feedback wird als Monolog geführt, nicht als Dialog.

Das Ergebnis:
Statt Lernmoment entsteht Verteidigung. Und aus einem Entwicklungsimpuls wird ein Konflikt.

Das Gleichgewicht von Klarheit und Empathie

Gesundes Feedback lebt von zwei Polen:
Klarheit (Was ist zu sagen?) und Empathie (Wie sage ich es?).

Nur wer beides verbindet, bleibt glaubwürdig und wirksam.

1. Klarheit schafft Orientierung

Sprich konkret, nicht allgemein. „Mir ist aufgefallen, dass du in den letzten zwei Meetings häufig zu spät kamst.“

Beschreibe Beobachtungen, keine Urteile.„Ich nehme wahr …“ statt „Du bist unzuverlässig.“

Nenne Auswirkungen. „Das führt dazu, dass das Team warten muss.“

Klarheit bedeutet Respekt – sie nimmt den anderen ernst.

2. Empathie schafft Verbindung

Zeig echtes Interesse: „Wie siehst du das?“

Höre aktiv zu, auch wenn es unbequem ist.

Achte auf Körpersprache und Stimme.

Anerkenne Emotionen („Ich merke, das ärgert dich gerade.“).

Empathie bedeutet: Du willst verstehen, nicht überzeugen.

Die 4-Schritte-Methode für deeskalierendes Feedback

1. Beobachtung

„Ich habe bemerkt, dass …“

2. Wirkung

„Das wirkt auf mich / das Team so …“

3. Bedarf

Mir ist wichtig, dass wir …“

4. Vereinbarung

„Wie können wir das künftig gestalten?“

Diese Struktur lenkt das Gespräch vom Vergangenen in die Gestaltung der Zukunft.

Deeskalation im Feedbackprozess

1. Reaktionen aushalten

Nicht jedes Feedback wird sofort akzeptiert. Widerstand ist kein Angriff – sondern ein Signal für Emotion. Bleib ruhig, frag nach: „Was macht die Rückmeldung gerade mit dir?“

2. Perspektive wechseln

Wenn Emotionen hochkochen, hilft: „Wie meinst du, wirkt das Verhalten auf dein Team?“ So lenkst du den Fokus von Verteidigung auf Wirkung.

3. Gemeinsam Verantwortung übernehmen

Statt Schuldfragen („Wer hat was falsch gemacht?“): „Was brauchen wir beide, damit das künftig besser läuft?“ Das entlastet, verbindet und zeigt Führungsstärke.

Führung als Feedbackkultur

Einzelne Gespräche bewirken wenig, wenn das Umfeld Angst erzeugt. Eine echte Feedbackkultur braucht:

Psychologische Sicherheit (Fehler dürfen angesprochen werden).

Regelmäßige Feedbackroutinen (z. B. „Feedback-Fridays“ oder Retrospektiven).

Führungskräfte, die selbst Feedback annehmen.

Wer Feedback geben will, muss zuerst Feedback leben.

Praxisimpulse für Führungskräfte

1. Starte jedes Feedback mit einem positiven Bezug.

(„Mir ist wichtig, dass du weißt, wie sehr ich deinen Einsatz schätze.“)

2. Frage nach Selbstwahrnehmung.

(„Wie nimmst du das selbst wahr?“)

3. Vermeide Killerworte.

(„Immer“, „nie“, „aber“ – sie schließen statt zu öffnen.)

4. Beende mit Vereinbarung, nicht Bewertung.

(„Was nehmen wir beide daraus mit?“)

Leser-Mitmach-Teil – Deine Reflexion

Nimm dir kurz zwei Minuten:

  1. Wann hast du zuletzt ehrliches Feedback gegeben – oder erhalten?
  2. Wie hast du reagiert, als jemand defensiv wurde?
  3. Was würdest du beim nächsten Mal bewusst anders machen?

 

Schreib es auf. Denn bewusste Führung beginnt mit Selbstreflexion.

Fazit

Feedback ist kein Gespräch über Leistung, sondern über Beziehung. Führungskräfte, die Klarheit mit Empathie verbinden, verwandeln potenzielle Konflikte in Vertrauen – und schaffen damit die Basis für gesunde, lernfähige Teams.

„Deeskalation im Feedback heißt: ehrlich sein, ohne zu verletzen.“

Quellen & weiterführende Literatur

  • Haufe Akademie (2024): Feedbackgespräche souverän führen – Praxisleitfaden für Führungskräfte. (Quelle: www.haufe-akademie.de)
  • Deutsche Gesellschaft für Personalführung (DGFP) (2023): Feedbackkultur in Behörden und Organisationen – Kommunikation als Führungsinstrument. (Quelle: dgfp.de)
  • Bundesakademie für öffentliche Verwaltung (BAköV) (2022): Gesprächsführung und Feedback in der Verwaltungspraxis.
  • Harvard Business Review (2023): The Art and Science of Giving and Receiving Feedback. (Quelle: hbr.org)
  • Korn Ferry Institute (2024): Empathy and Candor: The Leadership Balance in Feedback Conversations. (Quelle: kornferry.com)
  • Amy Edmondson (Harvard University) (2019): The Fearless Organization – Creating Psychological Safety in the Workplace. Wiley.

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