Konflikte nicht als Störfaktor sehen

sondern als Chance für Wachstum in der öffentlichen Verwaltung

Wenn Zusammenarbeit zur Reibung wird

Fachbereich A braucht schnelle Entscheidungen.
Fachbereich B verlangt saubere Aktenlage.
Die Personalstelle mahnt Regeln an, das Bürgerbüro braucht pragmatische Lösungen.

Willkommen im Alltag der öffentlichen Verwaltung – einem System, das auf Struktur beruht, aber täglich zwischen Interessen, Zuständigkeiten und Erwartungen vermittelt. Konflikte sind hier kein Ausnahmezustand, sondern Begleiterscheinung einer komplexen Organisation.

Die Frage ist nicht: Wie vermeiden wir Konflikte?
Sondern: Wie nutzen wir sie für Entwicklung und Zusammenarbeit?

Warum Konflikte in Verwaltungen unvermeidbar – und wertvoll – sind

Öffentliche Organisationen stehen unter wachsendem Druck: Personalmangel, Digitalisierung, politische Erwartungen, Bürgernähe. Wo Veränderung auf Tradition trifft, entstehen Reibungen.

Diese Reibungen sind nicht gefährlich – sondern notwendig, wenn sie richtig
geführt werden. Denn Konflikte zeigen, dass etwas in Bewegung ist. Sie machen Spannungen sichtbar, die sonst unbemerkt bleiben würden.

Konflikte sind die Sprache des Systems. Wer sie versteht, kann Wandel gestalten – wer sie ignoriert, erlebt Eskalation.

Typische Konfliktfelder in der öffentlichen Verwaltung

1. Rollen- & Kompetenzkonflikte

Unklare Zuständigkeiten, Überschneidungen zwischen Fachämtern

2. Wertekonflikte

Ordnung vs. Bürgerorientierung, Effizienz vs. Gerechtigkeit

3. Kommunikationskonflikte

Informationssilos, „Dienstweg“-Mentalität, fehlender Austausch

4. Verteilungskonflikte

Ressourcen, Budgets, Personal

5. Beziehungskonflikte

langjährige Spannungen, unausgesprochene Verletzungen, Machtfragen

Vom Störfaktor zum Lernfeld – Mindsetwechsel für Führungskräfte

Konfliktmanagement in Verwaltungen ist zu 80 % Kommunikationsarbeit. Es geht um die Fähigkeit, Zuhören, Haltung und Gesprächsstruktur zu verbinden.

1. Klärende Gesprächsführung

Nutze das 4-Phasen-Modell:
1) Wahrnehmung schildern („Mir fällt auf, dass …“)
2) Wirkung benennen („Das führt dazu, dass …“)
3) Bedürfnis formulieren („Ich wünsche mir …“)
4) Vereinbarung treffen („Lassen Sie uns künftig so vorgehen …“)
Diese einfache Struktur bringt Ruhe in selbst verhärtete Gespräche.

2. Perspektivwechsel fördern

Zirkuläre Fragen schaffen Einsicht, ohne Druck:
„Wie könnte das aus Sicht der anderen Abteilung wirken?“
„Was glauben Sie, warum Ihr Gegenüber so reagiert hat?“
Das öffnet Denkraum statt Abwehr.

3. Mediationsähnliche Haltung

Nicht jede Führungskraft muss Mediator:in sein – aber sie kann mediativ handeln:
– Allparteilich bleiben
– Emotionen anerkennen
– Lösungen gemeinsam entwickeln
Ziel ist nicht Harmonie, sondern Bearbeitbarkeit.

Konfliktgespräche systematisch gestalten

Ein konstruktives Konfliktgespräch braucht Rahmen, Haltung und Nachbereitung.

Vor dem Gespräch:

Ziel klären: Was will ich erreichen – Klärung oder Recht?

Fakten sortieren, Emotionen reflektieren.

Gespräch neutral ankündigen („Ich möchte gern mit Ihnen über eine Beobachtung sprechen“).

Während des Gesprächs:

Aktiv zuhören, nicht sofort bewerten.

Zusammenfassen, statt interpretieren.

Zwischentöne wahrnehmen.

Nach dem Gespräch:

Vereinbarungen dokumentieren.

Rückmeldung nach einigen Wochen: „Wie erleben Sie die Zusammenarbeit jetzt?“

Positives Verhalten sichtbar würdigen.

So entsteht eine nachhaltige Konfliktkultur, nicht nur punktuelle Entlastung.

Organisationale Perspektive: Verwaltung als Lernsystem

Verwaltungen, die Konflikte produktiv nutzen, investieren in drei Dinge:

1. Kommunikationstrainings für Führungskräfte

z. B. Gesprächsführung, Feedback, Deeskalation

2. Mediations- & Konfliktlotsensysteme

interne Ansprechpartner:innen für Klärung & Beratung

3. Reflexionsräume & Supervision

Teamsupervision, Lernzirkel, kollegiale Beratung

Konfliktkompetenz ist Teil gesunder Führung – und damit auch Teil der Fürsorgepflicht gegenüber Mitarbeitenden.

Leser-Mitmach-Teil – Deine Reflexion

Nimm dir 3 Minuten Zeit und beantworte ehrlich:

  1. Welche Konfliktsituation beschäftigt dich aktuell in deinem Team oder Fachbereich?
  2. Welche Perspektive hast du bisher nicht berücksichtigt?
  3. Welche Gesprächsfrage könntest du morgen stellen, um das Thema zu öffnen?

Konfliktbearbeitung beginnt mit einer ehrlichen Frage – nicht mit einer Verteidigung.

Fazit

Konflikte sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind ein Spiegel funktionierender Kommunikation – oder deren Fehlen.

Führungskräfte, die Konflikte bewusst wahrnehmen, benennen und begleiten, stärken Vertrauen, Zusammenarbeit und Innovation.

„Wer Konflikte führen kann, kann auch Menschen führen.“

Quellen & weiterführende Literatur

  • Haufe Akademie (2024): Konfliktmanagement im öffentlichen Dienst – Lösungen für Führungskräfte. (Quelle: Haufe Akademie)
  • Kommunal.de (2023): Wie Verwaltungen mit Konflikten umgehen – Zwischen Sachlichkeit und Stress. (Quelle: Kommunal.de)
  • Deutscher Städte- und Gemeindebund (DStGB) (2023): Führungskultur in der Verwaltung – Kommunikation und Vertrauen als Erfolgsfaktoren. (Quelle: www.dstgb.de)
  • Bundesakademie für öffentliche Verwaltung (BAköV) (2022): Konfliktmanagement und Mediation in der Verwaltungspraxis.
  • Edmondson, A. C. (2019): The Fearless Organization – Creating Psychological Safety in the Workplace for Learning, Innovation, and Growth. Wiley.
  • Harvard Business Review (2021): Conflict as a Catalyst for Change – Turning Tension into Team Growth. (Quelle: hbr.org)
  • Homeister, S. (2024): Führung braucht Reibung – Warum Konflikte Motor für Entwicklung sind. (Quelle: Blogartikel von stefanhomeister.com)

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